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Symbolfoto: Das AIT ist Österreichs größte außeruniversitäre Forschungseinrichtung

Zweite Begehung

Beeindruckender Blütenreichtum im Spätfrühling – Bericht der zweiten Begehung am 1. Juni 2022


Autor*innen: Irene Drozdowski, Jennifer Fischer, Alexander Mrkvicka
Foto-Autor*innen: Irene Drozdowski, Jennifer Fischer, Alexander Mrkvicka
Landschaftspflegeverein Thermenlinie-Wienerwald-Wiener Becken


Im Gegensatz zu einer ab dem zeitigen Frühjahr regelmäßig niedergemähten Fläche zeigten die Grünflächen in Seibersdorf mit der Umstellung der Pflege auch im Juni eine vielfältige Blütenpracht und eine große Insektenvielfalt. 

Neben der positiven Entwicklung für die biologische Vielfalt tragen die ungemähten Grünflächen wesentlich besser zur Kühlung der Umgebung bei als kurz gemähte Flächen. Die Pflanzen verdunsten laufend Wasser, das viele Arten mit ihren weit in die Tiefe reichenden Wurzelsystemen aus dem Boden holen. Die entstehende Verdunstungskälte kühlt die Umgebung.

Trotz größerer Trockenheit – die Regenfälle im Mai brachten meist nur eine geringe Niederschlagsmenge – blühte es auf vielen Flächen mit einer großen Vielfalt an Pflanzenarten. Das ist eine besondere Eigenschaft der Trocken- und Halbtrockenrasen. Hier sind die Pflanzen an wenig Niederschlag angepasst und können bereits kleine Mengen Regen nutzen, um prächtig zu blühen. Entsprechend der Blütenvielfalt waren auch viele Blütenbesucher wie Wildbienen, Schmetterlinge, Schwebfliegen und Käfer zu beobachten, aber auch viele Insekten wie Heuschrecken, Zikaden und Wanzen, die zwar die höherstehende Wiese brauchen, nicht jedoch an Blüten angepasst sind.

An besonders trockenen Stellen auf Schotter- und Sandböden blühten gerade dichte Teppiche von Pannonischem Thymian, Mild-Mauerpfeffer und Acker-Steinquendel.

In Bereichen mit etwas feuchteren Böden blühten unter anderem Steppen-Salbei, Bunt-Kronwicke, Esparsette, Wiesenflockenblume, Pfeilkresse, Schafgarben, Natternkopf, Eisenkraut, Gelbe Resede, Ochsenzunge und Karthäuser-Nelke. 

Überraschende und besondere Funde waren das Runzel-Nüsschen – eine seltene Trockenrasenart - sowie das Rispen-Lieschgras, das am Gelände des AIT in einem Bestand von mehreren hundert Pflanzen vorkommt und nach über 100 Jahren erst das zweite Mal für Ostösterreich wieder nachgewiesen werden konnte!

Auch Flächen, auf denen auf Grund von Bauarbeiten Erdbewegungen stattgefunden haben, sind als Lebensraum für viele Arten interessant und entwickeln sich vielfältig, wenn sie nicht humusiert und mit handelsüblichem Saatgut eingesät werden. Auf solchen Flächen wurden unter anderem das besondere Rispen-Lieschgras als auch viele Eselsdisteln und Königskerzen gefunden. Letztere lassen auch für die nächsten Wochen zahlreiche Blüten und Insekten erwarten.


Auswahl der am 1. Juni gefundenen Arten:

Nonea pulla – Runzelnüsschen (ein Raublattgewächs)
Das Runzelnüsschen bevorzugt als Lebensraum Halbtrockenrasen. Als einmalblühende Art bildet sie zumeist im ersten Jahr eine Blattrosette, im zweiten Jahr entwickeln sich die Blüten. Nach der Samenreife stirbt die Pflanze fast immer ab. Aus den Samen keimen neue Pflanzen. Wenn regelmäßig früh gemäht wird, kommt diese Art nicht zur Blüte und verschwindet nach einiger Zeit. Wie alle Raublattgewächse ist sie auf Fremdbestäubung – also Bestäubung mit Pollen einer anderen Runzelnüsschen-Pflanze - angewiesen, d.h. wenn ein Vorkommen so klein ist, dass die Pflanzen zu weit voneinander entfernt sind, kann die Art aussterben obwohl sie regelmäßig blüht aber dann keine Samen ansetzt.

Anchusa officinalis – Ochsenzunge (ein Raublattgewächs)
Die Ochsenzunge wächst auf trockenen aber lehmigeren Böden, auch auf Straßen- und Weingartenböschungen und an Feldrainen. Wie viele andere Raublattgewächse wird sie im Besonderen durch Hummeln bestäubt und ist für diese eine sehr wichtige Nahrungspflanze. Viele Vorkommen fallen heutzutage dem übertriebenen Ordnungssinn zum Opfer, weil Böschungen und Straßenränder häufig gemulcht werden.

Melica transilvanica – Siebenbürgen-Perlgras
Das prächtige Siebenbürgen-Perlgras kommt auf sehr trockenen Böschungen, Sand- und Schotterflächen vor. Es bildet große Horste. Die Wurzeln können – wie bei vielen Trockenrasenpflanzen - mehrere Meter in die Tiefe reichen und damit auch noch bei oberflächlicher Dürre Wasser in tieferen Bodenschichten erreichen. Zur Fruchtreife wiegen sich silbern glänzende Ähren im Wind.
Gräser sind wichtige Nahrung für viele Insektenarten. So frisst die Raupe des Schachbrettfalters ausschließlich Gräser. Grashorste sind ein wichtiger Unterschlupf für viele Tierarten. Hier legt z.B. die Bunthummel ihr Nest an.

Phleum paniculatum – Rispen-Lieschgras
Eine große Überraschung bei den Erhebungen am Areal des AIT Seibersdorf ist das Rispen-Lieschgras. Dieses südosteuropäisch in Äckern, an Wegrändern und auf „Ödland“ verbreitete Gras wurde in Ostösterreich seit über 100 Jahren nicht mehr gefunden. Erst vor zwei Jahren gelang ein Wiederfund von einigen wenigen Pflanzen in Niederösterreich. Der Fund am AIT-Gelände mit mehreren hundert Pflanzen auf einer im Herbst planierten Fläche ist das größte derzeit bekannte Vorkommen in Österreich. Die Samen bleiben im Boden über Jahrzehnte keimfähig und entwickeln sich erst wieder, wenn sie bei geeigneten Bedingungen durch Bauarbeiten oder Ackern wieder an die Oberfläche kommen.

Sedum sexangulare – Mild-Mauerpfeffer
Mit seinen fleischigen Blättern kann der Mild-Mauerpfeffer große Mengen an Wasser speichern und ist so an Trockenphasen hervorragend angepasst. Selbst wenn es lange Zeit nicht regnet, kann er reichlich blühen und ist damit eine wichtige Nahrungspflanze für viele Insektenarten. Sogar in Moospolstern auf Felsen und Betonflächen kann er große Bestände bilden, wo keine anderen Pflanzen wachsen können. Schon aus kleinen Spross-Bruchstücken können neue Pflanzen heranwachsen.

Onopordum acanthium – Esels-Distel
Disteln haben sich mit der Bildung von stacheligen Blättern und Stängeln an den Fraßdruck von Weidetieren angepasst. So unbeliebt sie oft bei Gärtnern sind, so unglaublich wichtig sind sie mit ihren vielen Blüten und der langen Blütezeit als Nahrungspflanze für zahlreiche im Sommer aktive Insekten – von Hummeln, Käfern, Schwebfliegen bis hin zu Schmetterlingen. Die Esels-Distel ist einmalblühend, d.h. sie bildet im ersten Jahr eine große Blattrosette, im nächsten Jahr einen großen Blütenstand und stirbt nach der Samenreife zumeist ab. Die Samen keimen nur auf offenem Boden und sind daher auch keine Gefahr für „Golf- oder Gartenrasen“. 

Malva moschata – Moschusmalve
Die Moschusmalve ist eine Pflanze nicht zu trockener, spät gemähter Magerwiesen. Einige Wildbienen-Arten sind ausschließlich auf Malven als Nahrungspflanze spezialisiert.


Auswahl an Hummelarten:

Bombus sylvarum – Bunthummel (bzw. Waldhummel)
Die Bunthummel lebt bevorzugt im Tiefland auf Halbtrockenrasen mit Gehölzbeständen, auf Streuobstwiesen und an Waldrändern, kann aber auch bis ins Gebirge bis zu einer Seehöhe von 1.400m vorkommen. Das Bunthummel-Volk besteht auf 80-150 Tieren. Ihre Nistplätze sind oberirdische und unterirdische Mäusenester oder auch andere Unterschlupfe. Oberirdische Nester legt sie meist in Grasbüscheln mit selbst gesammelten Nistmaterial an.

Bombus lapidarius- Steinhummel
Die Steinhummel ist in ihren Ansprüchen wenig wählerisch und lebt auf Wiesen, Halbtrockenrasen, in Parkanlagen und Gärten. Besonders gerne besammelt sie Hornklee, Kriech-Klee, Vogel-Wicke, Kriech-Günsel und Taubnessel-Arten. Ihre Nester baut sie oft unter Steinhaufen oder Mauern – daher ihr Name. Die Steinhummel bildet kleine Völker aus einer Königin und bis zu 300 Arbeiterinnen sowie Drohnen.  

Bombus humilis – Veränderliche Hummel
Die Veränderliche Hummel zeigt zahlreiche Farbvarianten. Sie lebt in offenen blütenreichen Landschaften wie Streuobstwiesen, Halbtrockenrasen, Parkanlagen, Gärten und an Wegrändern. Die Königin erzeugt einen hohen Summton. Beim Nektar- und Pollensammeln duldet sie keine anderen Hummelarten in der Nähe. Die Nester befinden sich oberirdisch unter Grasbüscheln und Moospolstern.

Bombus hortorum – Gartenhummel
Die Gartenhummel ist eine der häufigeren Hummelarten und in ganz Europa bis zu einer Höhe von ungefähr 2.100 Metern anzutreffen. Sie ist bei ihren Sammelflügen mit bis zu zwei Kilometern Flugstrecke eine echte Weitstreckenfliegerin. Bevorzugt nistet sie unterirdisch im Boden, häufig in verlassenen Mäusenestern. In selteneren Fällen wählt sie ihren Nistort auch oberirdisch in verlassenen Vogelnestern und Vogelnistkästen. Die jungen Königinnen kehren im nächsten Jahr häufig an den Nistplatz ihrer Mutter zurück, um dort wieder ein neues Volk zu bilden, das aus 50 bis 120 Arbeiterinnen besteht.

Bombus terrestris – dunkle Erdhummel
Die Dunkle Erdhummel gehört zu den auffälligsten, größten und häufigsten Hummelarten: Sie ist ein Generalist, der sich in fast allen Landschaften einschließlich unserer Gärten wohlfühlt.  Sie wird heute als sehr effiziente Bestäuberin – wichtig ist dabei die von der Hummel erzeugte Muskelvibration - von Island bis Neuseeland in Glashäusern zur Bestäubung eingesetzt. 
Mit bis zu 600 Hummeln in einem Nest erreicht sie die größten Volksstärken unter den heimischen Hummelarten.


Die schönsten Fotos der zweiten Begehung