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Kunstprogramm: ARTTEC @ AIT

Seit Herbst 2018 erweitern internationale Künstler:innen unter dem Namen „ARTTEC at AIT“ den Blickwinkel der AIT-Mitarbeitenden und Gäste. Diese zeigen, dass Kunst und Wissenschaft keine Gegensätze sind, sondern sich auf fruchtbare Weise ergänzen.

Kunst und Wissenschaft erscheinen auf den ersten Blick als Gegenpole. Doch bei genauerer Betrachtung gibt es sehr viele Überscheidungsbereiche – Kunst und Wissenschaft können daher genauso gut als einander ergänzende Sichtweisen auf die Welt und ihre Phänomene angesehen werden. Dieser Überzeugung ist auch Judith Fegerl. Die Wiener Künstlerin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Energie und deren vielfältigen Erscheinungsformen und Wirkungen. In ihrer künstlerischen Arbeit will sie erfahrbar machen, welches Potenzial in Energie steckt. „Man kann sie nicht sehen, man kann sie nicht hören, und man kann sie bis zu einem gewissen Grad auch nicht spüren: Trotzdem ist elektrische Energie die Grundlage unseres modernen, technologisierten Lebens – mit allem, was damit einhergeht, von der Umweltproblematik über die Versorgungssicherheit bis hin zum Energiesparen“, erläutert Fegerl. Sie war in den vergangenen beiden Jahren „Artist-in-Residence“ am AIT ist und arbeite dabei insbesondere mit dem Center for Energy zusammen.

Explosive Entladung

Ihre jüngste Arbeit nennt sich „capture“, für die sie im Sommer des Vorjahrs in das Hochspannungslabor des AIT ging, wo normalerweise elektrische Ausrüstungen geprüft werden, um deren Sicherheit zu gewährleisten. Die Künstlerin wollte darin die Wirkung von Blitzen in der Natur nachbilden: In den Wolkentürmen entladen sich binnen weniger Millisekunden immens starke elektrische Ströme (10.000 Ampere und mehr), begleitet von hellen Leuchterscheinungen und dumpfem Grollen. Welch hohe Energien dabei frei werden – und warum sich der Mensch dagegen schützen muss –, zeigt sich an der Einschlagstelle von Blitzen: Im Boden bilden sich durch die lokale Erwärmung auf bis zu 30.000 Grad in vielen Fällen fingerdicke röhrenartige Strukturen, die aus geschmolzenem und wiedererstarrtem Sand bestehen. Diese sogenannten „Blitzröhren“ oder „Fulgurite“ können – abhängig vom Material – mehrere Meter lang sein und sich zu fantastischen Formen verzweigen.

Fegerl brachte für ihre Arbeit ein ganzes Auto voller Materialien mit – verschiedene Arten von Sand, teilweise versetzt mit Zuschlagstoffen oder Flussmitteln wie Pottasche oder Glasur, teilweise in Schamottpatronen gefüllt; darüber hinaus Blitzableiter aus verschiedenen Metallen, die von abgebrochenen Wohnhäusern in Wien stammen. Durch all diese Materialien jagte sie künstliche Blitze, deren Stärke mit jenen in der Natur vergleichbar war – und diese taten ihre Wirkung: Im Sand bildeten sich glasartige Röhren aus geschmolzenem und wiedererstarrtem Sand gebildet. Im Labor des AIT waren also tatsächlich künstliche Fulgurite entstanden! Jedes einzelne Stück zeigte fantastische Formen, in die das gigantische Potenzial der Blitze eingeschrieben war.

Kunstwerk aus einem künstlichen Blitz

Die Energie der künstlichen Blitze ließ den Sand teilweise aufschmelzen. Nach dem Wiedererstarren bildeten sich sogenannte "Fulgurite" (Blitzröhren), die zur Stabilisierung anschließend noch in Kunstharz eingegossen wurden.

Übergang in anderen Aggregatzustand

Ähnlich war es bei der zweiten Arbeit, die Fegerl an diesem Tag im Hochspannungslabor in Angriff nahm: Diese thematisierten insbesondere den Versuch des Menschen, diese Naturgewalt zu zähmen – und zwar durch Blitzableiter, die nun am AIT durch einen künstlichen Blitzeinschlag aktiviert wurden. Wie erwartet verformten sich die Blitzableiter dabei und veränderten ihre Materialeigenschaften. „Das Material hat sich unter dem Einfluss von Energie neu organisiert“, so Fegerl.

Elektrografie von chemisch-physikalischen Prozessen

Für Judith Fegerl war „capture“ das zweite Projekt als Artist-in-Residence am AIT. Zuvor hatte sie schon die Installation „reservoir“ im Foyer des AIT realisiert. Dabei wurden zwölf Kupfer- und Aluminiumplatten im Foyer des AIT in mit Salzwasser gefüllte Glasbehälter gelegt und elektrisch verbunden. Nach drei Monaten wurden die Platten entnommen, aufbereitet und paarweise an die Wand gehängt: An ihnen wurde sichtbar, wie sich das Material durch den Prozess des Energieerzeugens verändert hat, wie es teilweise verbraucht worden ist: Die Platten zeigen ein jeweils individuelles Muster aus feinen, verästelten Korrosionsspuren, aus grünen Verfärbungen und weißen oxidativen Überzügen in allen erdenklichen Nuancen, das der Werkstoff Energie im und am Metall hinterlassen hat.

Gesellschaft und Technik

Der erste Artist-in-Residence am AIT war der Berliner Mixed-Media Künstler Chris Noelle. Unter dem Titel „Entschleunigung“ hat er die ständigen Veränderungen von Gesellschaft und Technik mit Hilfe von Spirografie thematisiert. Parallel dazu wurde das Videoprojekt ONE realisiert: In einem jeweils einminütigen Clip interpretiert Chris Noelle die Forschung der verschiedenen Center des AIT auf künstlerische Weise. Ergebnisse der bisherigen Kunst-Projekte am AIT sind im 1. Stock des Headquaters des AIT in der Wiener Giefinggasse 4 in einer „Wall of Fame“ dauerhaft ausgestellt.

Komplexe dynamische Systeme

Nach dem Finale des Projekts „capture“ mit einem (virtuellen) Talk zwischen Judith Fegerl, AIT-Geschäftsführer Wolfgang Knoll, dem Rektor der Universität für angewandte Kunst, Gerald Bast, und ARTTEC-Projektleiter Michael H. Hlava (Moderation: Sarah Hellwagner, Agentur art:phalanx, Kuratorin des ARTTEC-Programms) geht das „Artist-in-Residence“-Programm nun in die nächste Runde: Das Wiener Künstlerduo Process Studio wird dabei mit der Competence Unit Complex Dynamical Systems des AIT Centers for Vision, Automation & Control kooperieren.

ÜBER ARTTEC at AIT

Seit dem Jahr 2016 zeigt das Kunstprogramm ARTTEC bei den vom AIT Austrian Institute of Technology veranstalteten Alpbacher Technologiegesprächen, wie viele Gemeinsamkeiten es zwischen Kunst, Technologie und Wissenschaft gibt. Das AIT setzt dabei auf die Unterstützung von Profis – mit Partnern wie der Ars Electronica Linz, dem MAK – Museum für Angewandte Kunst und der Universität für angewandte Kunst. Im Herbst 2018 wurde ARTTEC auch direkt ins AIT geholt – genauer gesagt in das Foyer des Headquarters in der Wiener Giefinggasse 4. Kreative und fachübergreifende Ausstellungen mit internationalen Künstler:innen erweitern unter dem Namen ARTTEC at AIT den Blickwinkel der Mitarbeitenden und Gäste am Standort.