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"Believe in Europe" Schriftzug auf einem Gebäude in den Alpen

Wege zur Großen Transformation

Bei den Alpbacher Technologiegesprächen 2021 wurden Möglichkeiten, Chancen und Hindernisse für die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft infolge der Herausforderungen durch Dekarbonisierung und Digitalisierung aufgezeigt. Nicht zuletzt die Corona-Krise zeigt, wie entscheidend Wissenschaft, Forschung und Technologie für die Lösung der Zukunftsherausforderungen ist.

„Welcome back!“ Mit diesem Gruß eröffnete Wolfgang Knoll, wissenschaftlicher Geschäftsführer des AIT Austrian Institute of Technology, die heurigen Alpbacher Technologiegespräche. Seine Freude, nach einem Jahr Corona-bedingter Pause wieder in 3D in die Gesichter der Teilnehmenden und Diskutanten blicken zu können, wurde von diesen rundum erwidert. In die Tiroler Berge angereist waren zwar nur rund ein Drittel der Besuchenden und Diskutierenden wie vor der Pandemie. Doch das tat spannenden Debatten bei den neun Plenary Sessions mit insgesamt 45 Sprecher*innen und ebenso vielen Break Out Sessions bzw. Workshops keinen Abbruch. Zugänglich waren die Debatten auch über das Internet – ein hybrides Format, das sich einmal mehr bewährte.

Die vom AIT gemeinsam mit ORF Radio Ö1 veranstalteten Technologiegesprächen fanden – wie schon seit 37 Jahren – im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach statt. Das Generalthema lautete „The Great Transformation“, das erklärte Ziel war es, gemeinsam mit der nächsten Generation Lösungen für Europa zu entwickeln, wie der neue Forums-Präsident Andreas Treichl erläuterte. Insbesondere Dekarbonisierung und Digitalisierung treiben derzeit große Transformationsprozesse in Gesellschaft und Wirtschaft. „Technologie ist dabei sehr wichtig und eine große Hilfe – wir tun alles für die besten technischen Lösungen. Am Ende müssen wir uns aber auch selbst verändern – wie wir konsumieren, wie wir Ressourcen verbrauchen, wie wir mit Veränderungen umgehen“, umriss Knoll das Problem. Wir müssten zu einer holistischen Herangehensweise kommen, die verschiedene Disziplinen, auch die Künste, und einen menschenzentrierten Ansatz beinhalte.

Wolfgang Knoll bei den Alpbacher Technologiegesprächen

„Welcome back!“ Mit diesem Gruß eröffnete Wolfgang Knoll, wissenschaftlicher Geschäftsführer des AIT Austrian Institute of Technology, die heurigen Alpbacher Technologiegespräche.

Ein „Triumph der Forschung“

Die Corona-Krise war nicht nur in Form von rigorosen Kontrollen von PCR-Tests beim Einlass in das Kongresszentrum und duch das Tragen von FFP2-Masken in Innenräumen präsent, es war auch bei den inhaltlichen Debatten allgegenwärtig. Insbesondere die Tatsache, dass die Wissenschaft so rasch einen Impfstoff dagegen entwickeln konnte. „Die Wissenschaft hat der Welt den Hintern gerettet", meinte etwa der frühere Präsident der Helmholtz Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, Jürgen Mlynek. Für Hannes Androsch, den „Mr. Technologiegepräche“ (© Moderatorin Rosa Lyon) sind die Impfstoffe ein „triumphales Beispiel dafür, dass man die großen Herausforderungen nur mit Forschung und Wissenschaft bewältigen könne. „Wir können gar nicht genug forschen und der Wissenschaft genug Bedeutung beimessen“, sagte er. Eine Ansicht, der auch Christoph Huber, Mitbegründer des Impfstoffherstellers BioNTech zustimmte. Er berichtete den gespannt lauschenden Zuhörern, welche Faktoren dabei zusammenspielten, dass so rasch ein wirksamer Impfstoff auf den Markt gebracht werden konnte – vor allem: jahrzehntelange Grundlagenforschung, Kooperation mit Pharma-Konzernen, Zugang zu Finanzierungen, die richtigen regulatorischen Rahmenbedingungen und eine Portion Glück.

Corona brachte Wissenschaft in der Mitte der Gesellschaft

Eine der Folgen der Corona-Pandemie umriss Helga Nowotny, ehemalige Präsidentin des Europäischen Forschungsrats (ERC), so: „Wissenschaft ist dadurch in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Das gilt freilich nicht nur für die Corona-Krise, sondern in mindestens gleich hohem Ausmaß für den Klimawandel. Die wissenschaftliche Evidenz ist mittlerweile klar – der Mensch ist durch das Verbrennen fossiler Energieträger ein wesentlicher Treiber der globalen Erwärmung mit all ihren Folgen. Doch wie die nötige „grüne Transformation“ von Wirtschaft und Gesellschaft gestaltet werden kann und soll, ist damit noch nicht gesagt. Denn: Das Klimasystem sei an das Wirtschaftssystem gekoppelt, das wiederum untrennbar mit der Gesellschaft verwoben ist – und diese sei überhaupt das komplexeste System, wie Stefan Thurner, Leiter des Complexity Science Hubs Vienna, ausführte. Die Lösung sei es, Verhalten und Gewohnheiten der Menschen so zu verändern, dass sich die sozioökonomischen Netzwerk so ändern, dass das Klimasystem entlastet wird. Das Hauptproblem dabei sei das Timing: „Die Klimawende wird sozialen Stress produzieren, und damit dieser Stress nicht zu groß wird, müssen die Verhaltensänderungen langsam genug gehen. Die Wende muss aber schnell gehen, wir haben keine 50 Jahre Zeit mehr.“ Das Setting der nachfolgenden Diskussion, wie diese Transformation gestaltet werden könne, war höchst innovativ: Das Ruder wurde der Klimaaktivistin Katharina Rogenhofer (Klimavolksbegehren, Fridays for Future) überlassen, sie stellte nach einer kurzen Darlegung ihrer Position den anderen Panelist*innen aus den Bereichen Politik, Industrie, Finanzwirtschaft und Wissenschaft Fragen, was in ihren Bereichen in Sachen Klimaschutz vorangehe bzw. wo es Probleme gebe.

Alpbach Technologie Symposium EFAtec

Technologien spielen eine entscheidende Rolle

Wie diese Transformation gestaltet werden könnte, wurde in mehreren Plenary Sessions diskutiert und aus unterschiedlichen Blickrichtungen beleuchtet. „Klimaschutz ist keine Frage des „ob“ mehr, sondern des „wie““, sagte etwa Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung. Aus Sicht der Industrie müssten die Faktoren Geld und Zeit unter einen Hut gebracht werden. „Technologie und Innovation spielen dabei eine entscheidende Rolle.“

Dem letzten Punkt schlossen sich auch die nach Alpbach angereisten Politiker an. „Der Green New Deal erfordert eine digitale und grüne Transformation hin zu Klimaneutralität. Wir brauchen neue Technologien – Lösungen, die uns beim Klimaschutz voranbringen“, betonte Leonore Gewessler, Bundesministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie. In vielen Bereichen würde man die notwendigen Technologien als Ergebnisse von Forschung & Entwicklung über Jahrzehnte bereits kennen – „da geht es ums Tun“. Gleichzeitig würden neue Forschungsbudgets für die Bereiche Mobilität, Energie und Kreislaufwirtschaft bereitgestellt – in Summe 100 Mio. Euro (inkl. Mitteln für grüne Startups).

„Jeder Euro, den wir in den vergangenen Jahrzehnten in Forschung und Entwicklung ausgegeben haben, hat sich ausgezahlt“, zeigte sich auch Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck überzeugt. „Wir müssen Technologie-neutral und offen forschen, denn wir wissen nicht, welche Ergebnisse wir brauchen werden“, stellte sie klar. Bildungsminister Heinz Faßmann präsentierte am Rande der Technologiegespräche gemeinsam mit Christof Gattringer, dem neuen Präsidenten des Wissenschaftsfonds FWF, einen wichtigen Meilenstein der österreichischen Wissenschaft in Richtung Exzellenz: Demnach haben 37 Forscher*innen-Teams Einreichungen für einen „Cluster of Excellence“ abgegeben: Ab 2023 sollen drei oder vier solche Cluster hohe langfristige Förderungen erhalten – Faßmann erwartet sich aus dieser Initiative „gesellschaftlich interessante Implikationen“. Peter Schwab, Vorstandsmitglied bei der voestalpine und Vorsitzender des AIT-Aufsichtsrates, machte indes darauf aufmerksam, dass es zusätzlich zur Spitzen-Forschung zur Umsetzung der Ergebnisse auch eine Industrie im Lande brauche. „Ohne Produktion gibt es keine Innovationen“, betonte er. Daher müsse man Produktion verstärkt wieder nach Europa bringen.

Künstliche Intelligenz und Quantencomputer

Eingehend thematisiert wurde bei den Technologiegesprächen auch der zweite große Treiber der anstehenden Transformation: die Digitalisierung. Zum einen wurde am Rande des Forums Alpbach die neue Strategie der Bundesregierung für Künstliche Intelligenz („Artificial Intelligence Mission Austria 2030“ / AIM AT 2030) vorgestellt – mit dem Ziel eines auf das Gemeinwohl hin orientierten Einsatzes von KI zum Nutzen für den Standort und die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs. Zum anderen versammelte sich in der Plenary Session „Quantum Computing“ das Who-is-who der einschlägigen europäischen Forschungs- und Technologieszene, um die Fortschritte der jüngsten Zeit und die Prioritäten für die nächste Zukunft zu diskutieren. In den Augen von Otmar Wiestler, Präsident der Helmholtz Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, hat die Quantenforschung eine Besonderheit: dass nämlich Grundlagenforschung und Produktentwicklung Hand in Hand gehen.

Zu einem Perspektivenwechsel verleitete die Plenary Session „The Art of Radical Change“. Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien, und Christoph Thun-Hohenstein, Leiter der Vienna Biennale for Change, argumentierten, dass Methoden der Kunst (etwa ganzheitliche Sicht- und kreative Vorgangsweise) komplementär zu den Methoden der Wissenschaft seien und dadurch helfen können, eine Zukunft, die von Komplexität, Unsicherheit und Mehrdeutigkeit geprägt ist, zu meistern. „Man muss die Denkweise eines Wissenschafters, aber auch eines Künstlers, einer Künstlerin haben, um unsere heutigen Probleme zu verstehen, und dazwischen hin und her oszillieren“, formulierte es beispielsweise Katja Schechtner, Mobilitätsforscherin am MIT Senseable City Lab.

Neue Ideen für die Zukunft

Auch die das Plenar-Programm begleitenden Break Out Sessions widmeten sich zahlreichen Aspekten des Generalthemas „Great Transformation“. In kleinerer Runde diskutiert wurden dort beispielsweise Mobilitätstechnologien, neue Wege des Lernens, Stadtplanung der Zukunft, Digitalisierung in Europa oder das Thema Plastik-Müll. Großen Stellenwert nahm die Dekarbonisierung von industriellen Prozessen ein: Dabei wurden auf Einladung des NEFI-Innovationsverbunds (New Energy for Industry) Voraussetzungen für die Energiewende in der Industrie diskutiert – um vermehrt zeitgemäße, CO2-arme Energietechnologien in der Industrie anzuwenden. Eine Essenz der Debatten fasste Wolfgang Hribernik, Head of AIT Center for Energy und NEFI-Verbundkoordinator, so zusammen: „Die Versorgung der Industrie zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie ist möglich.“

Vergeben wurden bei den Technologiegesprächen auch heißbegehrte „Tickets to Berlin“, also die Qualifikation für den Falling Walls Summit in Berlin im November, bei dem Forscherstars und Jungforscher aus aller Welt ihre Arbeit vorstellen und diskutieren. Eines dieser Tickets konnte sich der AIT-Forscher Patrik Aspermair sichern, der mit einer Idee für neuartige und kostengünstige Geruchssensoren an der I.E.C.T. Summer School teilnahm und sich gegen starke Konkurrenz aus ganz Europa durchsetzen konnte.

Gebäude mit Glasfront in einem Hügel bedeckt mit grünem Gras

„Die Versorgung der Industrie zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie ist möglich.“ Wolfgang Hribernik, Head of AIT Center for Energy und NEFI-Verbundkoordinator

Alpbacher Technologiegespräche 2021

Die Alpbacher Technologiegespräche, die vom AIT Austrian Institute of Technology und ORF Radio Ö1 veranstaltet werden, fanden heuer am 26. und 27. August zum 38. Mal im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach statt. Thematisch stehen die diesjährigen Gespräche unter dem Motto „The Great Transformation“. Bei allen Transformationsprozessen von Wirtschaft und Gesellschaft spielen Technologien wie etwa Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Quantencomputer oder Life Sciences eine zentrale Rolle, die bei den Technologiegesprächen eingehend thematisiert werden.

Jahrbuch „Human Centered Innovation

Ein Grundprinzip bei jeglicher Transformation muss sein, dass der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Werten von Anfang an im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Nur so kann erreicht werden, dass Technologie dem Menschen dient – und nicht umgekehrt. Diesem Thema „Human Centered Innovation” ist auch das Jahrbuch „Discussing Technology“ gewidmet, das allen Teilnehmern der Alpbacher Technologiegespräche 2021 in gedruckter Form kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Es ist auch im Buchhandel erhältlich (Holzhausen, 172 S., 36 Euro, ISBN 978-3-903207-59-2).