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Grüne und digitale Transformation

22.07.2024

Das Jahrbuch „Discussing Technology“ des AIT Austrian Institute of Technology zum Europäischen Forum Alpbach 2023 befasst sich mit dem Thema „Twin Transition“: Wie können wir die derzeit parallel ablaufende grüne und digitale Transformation gestalten? 

 

Die Welt befindet sich in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Für die derzeit parallel ablaufende digitale und „grüne“ Transformation hat die EU den Begriff „Twin Transition“ geprägt: Es geht darum, den CO2-Ausstoß und den Ressourcenverbrauch zu reduzieren und gleichzeitig durch Digitalisierung eine nachhaltigere und effizientere Lebens-, Arbeits- und Produktionsweise zu ermöglichen. Dies bringt komplexe Veränderungen unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems mit sich und erfordert zahlreiche Innovationen bei Technologien, Produktions- und Lebensweisen. Die Frage ist, wie wir diese Transformationen bestmöglich gestalten können, um unsere Ziele zu erreichen – zum Beispiel die menschengemachte globale Erwärmung wirksam zu bekämpfen, mit Ressourcen schonender umzugehen und die Digitalisierung zum Besten für uns Menschen und die Gesellschaft einzusetzen. 

Antworten gibt das heurige Jahrbuch „Discussing Technology“ zum Thema „Shaping the green and digital transformation“, das das AIT Austrian Institute of Technology  – nunmehr bereits zum siebenten Mal – anlässlich des Europäischen Forum Alpbach herausgibt.

 

Test-Die Präsentation des Jahrbuches „Discussing Technology“ 2023 fand – moderiert von AIT-Wissenschaftskommunikator Martin Kugler und unter reger Beteiligung der Öffentlichkeit (vor Ort und virtuell) – im APA Pressezentrum in Wien statt.

Damit Spannungen nicht zu Systemzusammenbrüchen werden

Am Anfang steht die Frage, wie es überhaupt zu Transformationen kommt und wie diese typischerweise ablaufen. „Transformationen ereignen sich immer dann, wenn die Spannungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungen – etwa technologischen, ökonomischen oder sozialen – zu groß werden“, erläutert der Innovationsforscher Matthias Weber (Head of Center for Innovation Systems & Policy des AIT). Diese Spannungen können zwei mögliche Verläufe nehmen: Entweder können sie sich in massiven Systemstörungen oder sogar -zusammenbrüchen äußern, die wiederum größere Änderungen des Gesellschafts- und Wirtschaftssystems erzwingen bzw. eine Bereitschaft für strukturelle Veränderungen zulassen. Oder aber man versucht bewusst und vorausschauend, Systeme strukturell und institutionell so anzupassen, dass es nicht zu Systemstörungen kommt. „Transformationen kann man zwar nicht unter Kontrolle halten und im Detail steuern“, betont Weber. Dafür sind die Abläufe viel zu komplex. Denn: Technologische Entwicklungen – die bei Transformationen in der Regel eine zentrale Rolle spielen – sind stets untrennbar mit sozialen, ökonomischen und ökologischen Abläufen verknüpft. „Aber man kann gewisse Leitplanken definieren, zwischen denen Raum für eine dynamische Entwicklung ist, in der Neues entstehen kann“, so der Experte. 

 

„Transformationen sind immer ein Zusammenspiel zwischen sozialen und technologischen Entwicklungen“

Matthias Weber, Innovationsforscher am AIT

Wie der Mensch Technologien gestaltet

Ein gutes Beispiel dafür ist die Digitalisierung. Bei der laufenden digitalen Transformation gehe es nicht so sehr um komplizierte Technik, sondern vielmehr darum, die Technik so zu gestalten, dass sie einen echten Mehrwert hat, macht der Digitalisierungsexperte Helmut Leopold, Head of Center for Digital Safety & Security des AIT deutlich: Entscheidend sei daher die Gestaltung der Technik und deren richtigen Einsatz („Technology Shaping“). Das bestimmt wesentlich mit, wie Menschen den Neuerungen gegenüberstehen. „Der größte Feind einer vernünftigen digitalen Transformation ist die Angst vor der Veränderung. Man muss sich, im Gegenteil, mit den Technologien beschäftigen und Know-how für eine souveräne Technologienutzung aufbauen“, so Leopold. 

Wandel von Industrie und Energiewirtschaft

Sich den Entwicklungen stellen muss sich auch die Industrie. Der Innovationsforscher Karl-Heinz Leitner (Universität Graz, AIT) sieht dabei große Unterschiede zum „industriellen Wandel“, wie er bisher verstanden wurde: Zum einen geht es nun um eine zielgerichtete Umstellung der Produktion und aller Prozesse unter großen Zeitdruck – die Treiber sind die Politik und Kunden. Zum anderen sind viele Industriezweige gleichzeitig, aber auf unterschiedliche Weise gefordert. Überdies erfordere die industrielle Transformation den Aufbau neuer Infrastrukturen und die Koordination unterschiedlicher Politikfelder. Leitner plädiert dafür, diesen komplexen systemischen Wandel auch als Chance zu begreifen, um mit den neuen Prozessen auch Produktinnovationen zu entwickeln, mit denen neue Märkte erschlossen und die nötigen Investitionen finanziert werden können. Österreichs Industrie ist für diese Transformation in Leitners Augen gut aufgestellt. Sorgen müsse man sich allerdings um jene Unternehmen machen, die schon bislang kaum oder nicht innovativ sind.  

Bei der laufenden Transformation unseres Energiesystems („Energiewende“) ist in den Augen des Energieforschers Wolfgang Hribernik (Head of Center for Energy des AIT) der nächste wichtige Schritt eine Zusammenschau der vielen verschiedenen Sektoren. Nötig sei u. a. eine intensivere Sektorkopplung – etwa zwischen Strom und Wärme (über Wärmepumpen) oder zwischen Energie und Prozessmaterialien (wie etwa Wasserstoff oder die Verwertung von CO2). In allen Bereichen – von Verkehr über Gebäude bis hin zu Industrie – seien jedenfalls starke Eingriffe in bestehende Infrastrukturen nötig, so Hribernik. In großen Forschungsprojekten, wie zum Beispiel im Innovationsverbund NEFI (New Energy for Industry), werden derzeit konkrete Technologien erprobt und Roadmaps bzw. Transformationspfade entwickelt.

Megaaufgabe Mobilitätswende 

Ein Beispiel, wie tiefgreifend die nötigen Veränderungen sind, ist der Mobilitätsbereich. Alexandra Millonig, Mobilitätsforscherin am AIT, erläutert, dass die politisch geforderte 95-prozentige Reduktion des CO2-Ausstoßes bis 2050 bedeutet, dass wir – wenn unsere heutigen Mobilitätsgewohnheiten unverändert bleiben – täglich nur mehr 1,5 Kilometer mit dem Auto zurücklegen könnten; mit einem Zug wären es immerhin elf Kilometer. Das ist offenbar nicht ausreichend, um unsere Mobilitätsbedürfnisse zu befriedigen. Daher müsse grundlegend umgedacht werden, meint Millonig: Es dürfe nicht mehr die Frage „Wie kommt man von A nach B“ im Vordergrund stehen, sondern vielmehr die Fragen: „Wo muss B sein?“ bzw. „Warum wollen oder müssen wir überhaupt nach B?“ „Mobilitätswende bedeutet also nicht nur, das Mobilitätssystem zu optimieren und zu dekarbonisieren, sondern wesentlich mehr: Man muss bei den Ursachen der Mobilität ansetzen“, so Millonig. Das bedeutet unter anderem, dass die Erreichbarkeit von Zielen, die wir regelmäßig ansteuern, verbessert werden muss – etwa durch einen Erhalt der Nahversorgung oder eine intelligentere Wahl von Standorten z. B. von Büros. „Was nicht lokal möglich ist, kann man vielleicht ins Virtuelle verlagern, etwa Amtswege oder Besprechungen. Und das dann noch übrig bleibende Mobilitätsbedürfnis soll möglichst nachhaltig abgedeckt werden.“ Das (kleine und elektrische) Auto sei dabei die letzte Option, wenn nichts anderes möglich ist. 

„Es geht nicht darum zu verbessern, wie ich von A nach B komme, sondern zu schauen, warum muss ich überhaupt nach B.“

Alexandra Millonig, Mobilitätsforscherin am AIT 

 

Lebensstil ist mitentscheidend

Ein wesentliches Kernelement von Transformationen ist das Verhalten der Menschen – also wie wir in unserem eigenen Umfeld mit den Umwälzungen unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems umgehen. So denken viele Expert:innen beispielsweise darüber nach, wie ein „Paris-konformer“ Lebensstil – in Anspielung auf das 2015 abgeschlossene Pariser Weltklimaabkommen – aussehen und wie man Menschen davon überzeugen könnte, dass gewisse Veränderungen des Lebensstils nicht ein Verzicht sein müssen, sondern das Leben bereichern. Ein höchst aktuelles Forschungsthema sind dabei sogenannte „soziale Kipppunkte“ – das sind gewisse Punkte in einem System, an denen es schon bei kleinen Veränderungen zu einem abrupten Wandel kommt. Durch positive Rückkopplungen kann etwa eine Minderheit, die einen bestimmten Lebensstil verfolgt, das Verhalten der Gesellschaft als Ganzes verändern. Eruiert wird derzeit u. a., in welchen Bereichen man dabei ansetzen könnte – als vielversprechend gelten demnach etwa das Bildungs- und Siedlungswesen, Finanzmärkte oder Energieerzeugung. Von zentraler Bedeutung sind dabei urbane Räume – denn in Städten erreicht man relativ einfach kritische Massen für Veränderungen. Zur Unterstützung urbaner Transformationsprozesse wurde in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Instrumenten entwickelt, in deren Kern die Partizipation unterschiedlichster Stakeholder und Akteure steht. 

 

Geopolitische Spannungen und Optionen für die Zukunft 

Die grüne und die digitale Transformation ereignet sich in einem planetaren und geopolitischen Rahmen, der von zahlreichen Spannungen geprägt ist. Hannes Androsch (Initiator und Ideengeber der Jahrbuch-Reihe „Discussing Technology“) argumentiert, dass eine gelingende „TwinTransition“ eine zentrale Voraussetzung für die Auflösung der „Tragödie der planetaren Allmende“ ist – also für eine Vorsorge für die planetare Gemeingüter (etwa Atmosphäre, Ozeane, Wasserversorgung, Wälder usw.), ohne die es kein globales Gemeinwohl gibt. Derzeit gebe es niemanden, der sich, über Eigeninteressen hinaus, um die Gesamtinteressen des Planeten kümmere. Geopolitisch ist die Welt derzeit von einem Kampf zwischen China und den USA um die Vormachtstellung geprägt, der sich auch auf technologischem Gebiet manifestiert: Wer bei der technologischen Entwicklung die Nase vorn hat, wird der Welt in Zukunft seinen Stempel aufdrücken. Deutlich sichtbar ist dies beispielsweise im transpazifischen „Chipkrieg“ – in dem Europa, wie in vielen anderen Bereichen auch, zwischen den Fronten steht und um seine geostrategische Bedeutung ringt. 

Mitentscheidend für das Gelingen der „Twin Transition“ sind auch der Denkrahmen, in dem wir uns bewegen, sowie unsere Zukunftserwartungen, betont die Innovationsforscherin und designierte Rektorin der Universität für angewandte Kunst Wien, Petra Schaper Rinkel. Sie sieht ein integratives Weltverständnis, das aus Wissenschaften und Künsten erzeugt werden kann, als wesentlich für die Gestaltung der anstehenden Transformationen an. Schaper Rinkel plädiert dafür, Wissenschaften (inklusive deren produktiven Widerstreit) nicht nur als Methode zur systematischen Wissensgenerierung zu sehen, sondern auch als schöpferische und erfinderische Praktiken, um nachhaltige und demokratische Optionen für die Zukunft zu entwickeln. Solche „Zukünfte“ sind die Basis für das Entwerfen sozio-technischer Transformations- und Innovationspfade. Diesem wissenschaftlich und künstlerisch gestützten Spekulieren sollte entsprechender Raum gegeben werden. 

„Eine gelingende ökologische und digitale Transformation ist eine zentrale Voraussetzung für die Auflösung der „Tragödie der planetaren Allmende“ ist – also für eine Vorsorge für die planetare Gemeingüter (etwa Atmosphäre, Ozeane, Wasserverso“

Hannes Androsch, Vizekanzler a.D., Industrieller, Initiator und Ideengeber der Jahrbuchreihe „Discussing Technology

 

Jahrbuch „Discussing Technology“ 2023: Shaping the green and digital Transformation

Neben allgemeinen Aspekten und einer Theorie der Transformation werden in dem Jahrbuch zahlreiche Bereiche diskutiert, in denen sich die Transformation manifestiert – von der „Energiewende“ und einer intelligenten Urbanisierung über neue Formen der Mobilität und Produktion bis hin zu Themen wie Kreislaufwirtschaft, Geopolitik und Rolle von Wissenschaften und Künsten. In den Beiträgen kommen Hannes Androsch, Gudrun Haindlmaier, Wolfgang Hribernik, Martin Kugler, Karl-Heinz Leitner, Helmut Leopold, Alexandra Millonig, Petra Schaper Rinkel und Matthias Weber ausführlich zu Wort. Bezug genommen wird weiters auf Forschungsergebnisse z. B. von Ulrich Brand (Uni Wien), Andreas Novy (WU Wien), Margarete Haderer (TU Wien), Ilona Otto (Uni Graz), Helmut Haberl (BOKU Wien) oder Andreas Reinstaller (WIFO). Im Zentrum der Darstellungen stehen insbesondere aktuelle Entwicklungstrends und die Möglichkeiten zur Gestaltung der Transformation.