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Begrüßung zwischen Mensch und Roboter

Den Menschen ins Zentrum rücken

Das Jahrbuch „Discussing Technology“ widmet sich heuer dem Thema „Human Centered Innovation“. Als wissenschaftlicher Beitrag zu den zu den Alpbacher Technologiegsprächen 2021 werden u. a. Industrie 5.0, Mensch-Maschinen Schnittstellen, Next Generation Human Centricity, die grüne Transformation und die Gestaltung der Klimamoderne thematisiert – also Fragestellungen, in denen der Mensch, seine Bedürfnisse und Werte essenziell sind.

Nicht zuletzt die Corona-Krise und die rasche Entwicklung von Impfstoffen hat gezeigt, wie entscheidend Wissenschaft, Forschung, Technologie und Innovation für unser Leben sind. Aber auch bei den laufenden Transformationsprozessen von Wirtschaft und Gesellschaft spielen Technologien wie etwa Digitalisierung, Künstliche Intelligenz oder Life Sciences eine zentrale Rolle. Ein Grundprinzip bei allen Transformationsprozessen und bei jeglicher Technologieentwicklung muss sein, dass der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Werten von Anfang an im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Nur so kann erreicht werden, dass Technologie dem Menschen dient – und nicht umgekehrt. 

In der Wissenschaft hat sich dieser Grundgedanke unter dem Begriff „Human Centricity“ etabliert – was sich nur sehr unvollkommen mit „Menschen-Zentriertheit“ übersetzen lässt. Dieses Thema steht im Zentrum des diesjährigen Jahrbuchs zu den Alpbacher Technologiegesprächen, die im Rahmen des Europäischen Forums 2021 unter dem Generalthema „The Grat Transformation“ stattfinden. Das Jahrbuch – das dieses Jahr bereits zum fünften Mal herausgegeben wird – versteht sich als wissenschaftlichen Beitrag zu den Alpbacher Technologiegesprächen.

Human Centered Innovation

Wie zentral das Thema „Human Centered Innovation“ in der aktuellen Forschung und Technologieentwicklung ist, lässt sich anhand der Automatisierung illustrieren. Dort hat sich in jüngster Zeit das Schlagwort „Industrie 5.0“ herausgebildet. Der Grundgedanke dabei ist, dass die Güterproduktion der Zukunft nicht nur innovativ und wettbewerbsfähig sein soll, sondern auch menschenzentriert, nachhaltig und resilient. Die EU hat dazu eine Industrie 5.0-Initiative ins Leben gerufen. Das Thema spielt auch beim Europäischen Green Deal und der EU-Digitalisierungsstrategie eine wichtige Rolle.

Wie Andreas Kugi, Professor für komplexe dynamische Systeme an der Technischen Universität und Co-Leiter des Centers for Vision, Automation & Control am AIT Austrian Institute of Technology, in dem Jahrbuch erklärt, kommt dieser Ansatz einem Perspektivenwechsel gleich: Während Industrie 4.0 ein primär technikzentrierter Ansatz ist, bettet Industrie 5.0 die Güterproduktion in einen größeren Kontext ein. „Bei der Industrie 5.0 nutzt man das, was technisch möglich ist (und im Rahmen von Industrie 4.0 entwickelt wurde und wird), man setzt die Technologien aber auf eine menschenzentrierte, nachhaltige und resiliente Weise ein“, erläutert Kugi.

Es wird keine menschenleeren Fabriken geben

Und das hat seiner Ansicht nach einen sehr guten Grund: Noch vor einigen Jahren dachten viele, dass in Zukunft alles vollautomatisch in menschenleeren Fabriken produziert werde. Das sei aber nicht sinnvoll, so Kugi. Und zwar aus mehreren Gründen. „Je höher man den Automatisierungsgrad treibt, umso mehr Ausnahmefälle muss man berücksichtigen und umso aufwendiger wird es. Irgendwann kommt man auch bei einer wirtschaftlichen Betrachtung zu dem Punkt, dass es nicht mehr sinnvoll ist, den Automatisierungsgrad weiter zu steigern“, erläutert der Forscher. Neben diesem ökonomischen Argument ist ein weiterer Punkt, dass Menschen über Fähigkeiten verfügen, die auch durch modernste Technologien nicht oder nur mit extrem hohem Aufwand ersetzt werden können. Dazu zählen kognitives Verständnis von Situationen, Fingerfertigkeit, Flexibilität und Kommunikationsfähigkeiten, genauso wie Innovation, Problemlösungskompetenz und Kreativität. 

Das Ziel von Industrie 5.0 lautet daher: „Wir wollen die Stärken von beiden – Mensch und Maschine – nutzen und sinnvoll verbinden“, so Kugi. Zur Etablierung solcher kollaborativer Systeme ist es nötig, die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine so zu gestalten, dass sie auf die menschlichen Bedürfnisse zugeschnitten sind – damit der Mensch seine Stärken ausspielen kann. 

Der Mensch wird also trotz zunehmender Automatisierung auch in Zukunft eine zentrale Rolle einnehmen – und zwar gemeinsam mit der Technik: „Die Technik soll dem Menschen dienen“, sagt Kugi. Durch Automatisierung können insbesondere schwere, monotone und gefährliche Tätigkeiten an die Maschine ausgelagert werden; Automatisierung soll die Zeit schaffen, damit sich der Mensch auf seine Stärken konzentrieren kann. „Automatisierung ist nicht dazu da, Jobs zu ersetzen, sondern transformiert Tätigkeiten: Manche fallen weg, und neue kommen dazu“, betont Kugi.

Foto Andreas Kugi

© AIT

„Wir wollen die Stärken von beiden – Mensch und Maschine – nutzen und sinnvoll verbinden“

Andreas Kugi, Professor an der TU Wien und Co-Leiter des AIT Center for Vision, Automation & Control

Wechselvolle Beziehung zwischen Mensch und Technik

Am Anfang des Jahrbuchs wird der langen und wechselvollen Geschichte der Beziehung zwischen Mensch und Technologie nachgegangen – zurückreichend bis in die Steinzeit bis hin zu den Problemen, vor die uns die Digitalisierung stellt: Zu allen Zeiten haben Entdeckungen und Erfindungen das Leben, Denken und Handeln verändert. „Jede grundlegende technologische Veränderung bewirkt einen tiefgreifenden sozialen Wandel und einen umfassenden Transformationsprozess der Gesellschafts-ö und Wirtschaftssysteme“, formuliert es Mitherausgeber Hannes Androsch im Vorwort des Jahrbuches. 

Der Hauptteil des Buches geht der Frage nach, wie der Faktor Mensch in den verschiedenen Fachbereichen eingebunden wird. Zum Beispiel bei der Gestaltung von Mensch-Maschine-Schnittstellen. „Beim Design eines Interfaces legt man fest, wie das System dem Menschen gegenübertritt“, erläutert Manfred Tscheligi, Professor für Human-Computer-Interaction an der Universität Salzburg und Leiter des AIT Centers for Technology Experience. Das beinhaltet nicht nur die „Usability“ – also wie gut ein System nutzbar ist –, sondern auch viele andere Aspekte, z. B. welche emotionalen Faktoren dabei mitschwingen. In der Fachwelt wurde hierfür der Begriff „Experience“ eingeführt. 

Portraitfoto von Manfred Tscheligi

© Rita Skof

„Beim Design eines Interfaces legt man fest, wie das System dem Menschen gegenübertritt.“

Manfred Tscheligi, Professor an der Universität Salzburg und Leiter des AIT Centers for Technology Experience

Treiber für Innovationen

„Die Betrachtung der Human Experience bringt uns in vielerlei Hinsicht weiter. Für uns ist der Mensch ein Qualitätsparameter: Wenn der Mensch mit einem Gerät nicht zurechtkommt, kann es keine gute Qualität haben“, erläutert Tscheligi. Überdies sei der Mensch in der Human-Centricity-Sichtweise ein Innovationsparameter: Je genauer man auf die Bedürfnisse der Menschen schaue, je genauer man sich frage, welche Probleme der Mensch hat und in welcher Situation er was braucht, umso besser könne man dem Menschen gerecht werden, und umso stärker könne man die verschiedenen Aspekte einer Lösung darauf hintrimmen und mit den Möglichkeiten, die Technologien bieten, umsetzen. „Das ist ein Treiber für Innovationen: Wir sind überzeugt, dass durch Experience geleitete Innovationen und neue Wege der Interaktion zwischen Mensch und Maschine zentrale Bausteine für innovative und erfolgreiche Technologien sind.“ Wichtig dabei sei insbesondere, dass eine Technologie in unser Lebens- und Ökosystem hineinpasst – und uns nicht regiert. 

Roboter der Zukunft müssen daher über wesentlich größere Fähigkeiten verfügen als heutige. So müssten sie etwa, wie der Roboter-Forscher Matthias Scheutz (Tufts University, Boston, und AIT) argumentiert, ein „gewisses Verständnis von sozialen Normen“ haben, damit Maschinen besser in menschliche Kontexte eingebettet werden und eine Kollaboration zwischen Mensch und Maschine reibungslos ablaufen könnten. Für eine zeitgemäße Gestaltung von Mensch-Maschinen-Schnittstellen hat die Wissenschaft ein Prozedere und bestimmte Methoden entwickelt, die der Experience-Experte Markus Murtinger (AIT) im Jahrbuch erläutert.

Gesundheit, Klimawandel, Transformation

Der Faktor Mensch spielt in praktisch allen Teilen moderner Technologien, insbesondere beim Digitalen Wandel, eine Schlüsselrolle. Etwa bei der Gestaltung von neuen Telearbeits- und Lern-Umgebungen, bei einer integrativen Stadt- und Regionalplanung, der Transformation von Unternehmen, bei autonom fahrenden Autos oder bei Fragestellungen der Künstlichen Intelligenz. 

Aber auch in vielen anderen Bereichen abseits von Digitaltechnologien wird man sich zunehmend bewusst, dass die systematische Berücksichtigung des Faktors Mensch wesentlich ist. Das reicht vom „One-Health“-Ansatz, laut dem die Gesundheit des Menschen nicht von jener von Tieren, Pflanzen und der Umwelt getrennt werden kann, über die Definition und Simulation von Szenarien für die künftige Entwicklung des Weltklimas bis hin zu den notwendigen Transformationen unserer Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme.

Wichtiger Beitrag der Künste

Und schließlich rufen auch die Künste immer wieder in Erinnerung, dass wir Menschen uns nicht sogenannten „Sachzwängen“ beugen dürfen, sondern mit Kreativität und einem ganzheitlichen Blick Visionen und wünschenswerte Szenarien entwickeln können und müssen. Fest gemacht wird dies am Begriff der „Klima-Moderne“, der bei der laufenden VIENNA BIENNALE FOR CHANGE thematisiert wird. Deren Leiter, Christoph Thun-Hohenstein, argumentiert in seinem Beitrag im Jahrbuch, dass sich Kunst und Kreativität bei der Gestaltung der „Klima-Moderne“ mit einem breiten Spektrum von Möglichkeiten einbringen könnten.

Jahrbuch „Discussing Technology“: Human Centered Innovation

Allen Teilnehmer der Alpbacher Technologiegespräche 2021 wird das Jahrbuch „Discussing Technology“ in gedruckter Form kostenlos zur Verfügung gestellt. Es ist auch im Buchhandel erhältlich (Holzhausen, 172 S., 36 Euro, ISBN 978-3-903207-59-2).

Alpbacher Technologiegespräche 2021

Die Alpbacher Technologiegespräche, die vom AIT Austrian Institute of Technology und ORF Radio Ö1 veranstaltet werden, finden heuer am 26. und 27. August zum 38. Mal im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach statt. Thematisch stehen die diesjährigen Gespräche unter dem Motto „The Great Transformation“. Bei allen Transformationsprozessen von Wirtschaft und Gesellschaft spielen Technologien wie etwa Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Quantencomputer oder Life Sciences eine zentrale Rolle, die bei den Technologiegesprächen eingehend thematisiert werden. Wichtige Fragestellungen sind weiters, wie Forschung, Technologie und Innovation in der Post-Covid-Ära funktionieren wird und wie wir am besten mit der Komplexität der „Green Transformation“ umgehen. Wertvolle Beiträge zum Umgang mit den drängenden Zukunftsfragen können überdies die Künste bieten, die eine „Art of Radical Change“ vertiefen.

Ein Grundprinzip bei jeglicher Transformation muss sein, dass der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Werten von Anfang an im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Nur so kann erreicht werden, dass Technologie dem Menschen dient – und nicht umgekehrt.