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moderner Sitzbereich mit Bergen im Hintergrund

Die Fundamente, die unser Leben prägen

Die heurigen Alpbacher Technologiegespräche, die von AIT Austrian Institute of Technology und ORF Radio Österreich 1 veranstaltet werden, finden – im Rahmen des Europäischen Forum Alpbach – in einem völlig neuen Format statt: als Hybrid aus Veranstaltungen vor Ort, die live zu den Teilnehmenden gestreamt werden. Hochkarätigen Diskussionen etwa über Klimaschutz, Komplexität, Corona und Kunst und Wissenschaft tut das keinen Abbruch.

Man schrieb den Sommer 1945. Österreich, fast ganz Europa und die halbe Welt waren nach dem Ende des Nazi-Terrorregimes und des schrecklichen Krieges verwüstet. Auch im geistigen Leben herrschte Leere. Die Universitäten waren geschlossen, alle Forschungseinrichtungen für Ideologie und Krieg instrumentalisiert. In dieser Situation fassten sich einige Intellektuelle um Otto Molden und Simon Moser ein Herz: Sie wollten ein Zeichen der Hoffnung und des Wiederbeginns setzen, sie wollten dafür eine möglichst internationale Schar an Wissenschaftler*innen zusammenbringen. So gründeten sie im Sommer 1945 das „Österreichische College“. Als Austragungsort für eine erste Veranstaltung wurde – über persönliche Kontakte und einiges an Zufall – das abgelegene, aber wunderschöne Tiroler Dorf Alpbach gefunden. Von 25. August bis 10. September 1945 fanden schließlich die ersten „Internationalen Hochschulwochen“ statt – mit rund 80 Teilnehmer*innen.

Aus diesem Kern wuchs die wohl wichtigste Veranstaltung im Geistesleben Österreichs heran: das Europäische Forum Alpbach, das heuer somit seinen 75. Geburtstag feiert. Die Themen, über die man alljährlich im Spätsommer zwei Wochen in den Tiroler Bergen diskutiert, wurden immer breiter. 1984 fanden in diesem Rahmen die ersten Alpbacher Technologiegespräche statt – initiiert von der Vorgängerorganisation des heutigen AIT Austrian Institute of Technology, dem Forschungszentrum Seibersdorf, sowie dem ORF und der Industriellenvereinigung. Seitdem organisiert das AIT alljährlich gemeinsam mit Partnern – v. a. mit dem ORF Radio Ö1 – dieses Gipfelgespräch, zu dem üblicherweise an die 1500 Forscher*innen, Industrielle, Politiker*innen, Expert*innen und Interessierte anreisen, um über die brennendsten Zukunftsfragen zu diskutieren.

Gedränge nur in den Datenleitungen

Auch im heurigen Corona-Jahr finden die Gespräche statt. Allerdings Virus-bedingt in völlig anderem Gewand: Wo in den Jahren zuvor bei Plenarveranstaltungen, Breakout Sessions und sozialen Events heftiges Gedränge mit intensivem Gedankenaustausch herrschte, liegen das Kongresszentrum und das Dorf heuer ruhig da. Hochbetrieb herrscht hingegen in den Datenleitungen aus dem Seitental des Inntals hinaus in alle Welt: Die Vorträge und Diskussionen finden zwar zum größten Teil physisch in Alpbach statt, das Publikum sitzt allerdings daheim oder im Büro und beteiligt sich von dort aus am Gedankenaustausch.

Vor Ort anwesend sind dieses Jahr kaum mehr Menschen als in den Anfangstagen des Forum Alpbach. Und diese müssen strikte Sicherheitsvorschriften erfüllen: Nur akkreditierte Teilnehmer*innen mit passendem QR-Code dürfen das Kongresszentrum betreten, beim Eingang wird Fieber gemessen. Man bekommt einen fixen Platz zugewiesen, die Sessel sind in gehörigem Sicherheitsabstand voneinander entfernt aufgestellt. Der Mund-Nasen-Schutz darf erst am Platz abgenommen werden.

Angeregte Diskussionen gibt es trotzdem – das ist auch in diesem digitalen/analogen Setting möglich. Das Generalthema des heurigen Forum Alpbach, das noch bis 3. September läuft, lautet „Fundamentals“. Es geht um die Grundlagen unseres Denkens, Lebens und Wirtschaftens – ein gerade in Krisenzeiten sehr dringlicher Diskurs. „Eine der fundamentalen Fragen, auf die bei den Technologiegesprächen Antworten gesucht wird, ist das Klima-Thema“, erläutert Wolfgang Knoll, wissenschaftlicher Geschäftsführer des AIT. „Dieses Thema ist in der Covid-Diskussion etwas unter die Räder gekommen.“ Gemeinsam mit der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren als Themenpartner wird insbesondere die europäische Perspektive des Klimaschutzes beleuchtet. Denn nur gemeinsam können die Fundamente für eine nachhaltige Zukunft gelegt werden.

Steinstatuen tragen einen Mundnasenschutz

Kunstinstallation vor dem Congress Centrum Alpbach „Thinkers at work“, Ucki Xossdorff, 2009

Unübersichtliche Welt

Ein zweiter thematischer Schwerpunkt der Technologiegespräche ist heuer „Compexity Science“. Die zentrale Frage dabei ist, wie wir mit den zunehmend komplexen und unübersichtlichen Phänomen in der Welt umgehen können und sollen. In Kooperation mit dem Complexity Science Hub Vienna wird insbesondere über die Corona-Krise diskutiert – konkret über die Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft sowie darüber, wie wir am besten wieder zu so etwas wie „Normalität“ finden. Dem Thema Komplexität ist auch das Jahrbuch zu den heurigen Technologiegesprächen gewidmet.

Nicht von den Alpbacher Technologiegesprächen wegzudenken sind überdies Debatten über die österreichische Forschungpolitik. Hannes Androsch, Vorsitzender des Forschungsrates und Doyen der Alpbacher Technologiegespräche, beklagte, dass man zwar seit langem wisse, was zu tun sei, damit Österreich in die Gruppe der „Technology Leader“ vorstoßen könne, dass man aber offenbar nicht die Kraft habe, das auch umzusetzen. Die drei für Wissenschaft und Forschung zuständigen Minister – Leonore Gewessler (Klima und Innovation), Margarete Schramböck (Digitalisierung) und Heinz Fassmann (Wissenschaft und Forschung) –beteuerten indes, als „starkes Team“ für höhere Forschungsbudgets zu kämpfen. Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung, forderte für die kommenden Jahre eine Technologieoffensive, die mit einer Milliarde Euro dotiert werden sollte.

Digitale Formate haben sich bewährt

Der Präsident des Forum Alpbach, Franz Fischler zog bereits zur Halbzeit eine positive Bilanz über das neue Format der Gespräche. Das Hybrid-Format (aus Live-Debatten, die online gestreamt werden) habe mehrere Vorteile: „Man kann mehr Teilnehmer und Teilnehmerinnen erreichen. Es ist einfacher, internationale Vortragende anzusprechen. Und das Programm kann deutlich mehr Events umfassen“, sagte er. Dem steht freilich ein gravierender Nachteil gegenüber: dass keine persönlichen Kontakte und zufälligen Gespräche möglich seien. „Wir vermissen die Alpbach-Community“, so Fischler. Eine Sehnsucht, die viele langjährige Forum-Teilnehmer*innen in sich spüren.

So wird es in Zukunft wohl Mischformen aus Vor-Ort-Debatten und digitalen Inhalten geben – denn letztere will nach den heurigen Erfahrungen niemand mehr missen. Auch nicht in Post-Corona-Zeiten.