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Stadtsimulationen

Forschung für eine lebenswertere Stadt

Wie kann man die Lebensqualität von Menschen im unmittelbaren Wohnumfeld steigern? Wie können die Mobilitätsbedürfnisse der urbanen Bevölkerung in Zukunft besser und umweltfreundlicher befriedigt werden? Mit zukunftsweisenden Antworten auf diese Fragen konnten Forscher*innen des AIT Austrian Institute of Technology beim diesjährigen VCÖ Mobilitätspreis punkten.

Der stetig wachsende Verkehr macht vielen Menschen in der Stadt das Leben zunehmend schwer. Nicht enden wollende Blechlawinen, Lärm, Abgase, fehlender öffentlicher Raum usw. senken die Lebensqualität deutlich. Dass es auch anders geht, zeigt das Konzept von sogenannten „Superblocks“: Durch die Umgestaltung von Stadtvierteln nach diesem Prinzip kann der öffentliche Raum, die Mobilität und das Zusammenleben der Menschen in einer Stadt neu organisiert werden. In Superblocks werden fußläufig erschließbare Häuserblocks zusammengefasst und umfassende Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung gesetzt. Konkret wird der motorisierte Verkehr in Hauptverkehrsadern am Rand des Superblocks entlanggeführt. Innerhalb dieses Areals entsteht dadurch eine große, zusammenhängende Begegnungszone ohne Durchzugsverkehr, in der Fußgänger*innen und Radfahrer*innen Priorität haben und statt der mobilen eine stationäre Nutzung des öffentlichen Raumes möglich wird.

Das ultimative Ziel ist es, den öffentlichen Raum zu attraktivieren und tatsächlich zu einem lebenswerten Wohnumfeld für die BewohnerInnen der Stadt zu machen – während gleichzeitig Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel Raum finden und neue Möglichkeiten zur Förderung der lokalen Wirtschaft entstehen.

Superblocks sind bereits in mehreren Städten Spaniens verwirklicht und stoßen auch in vielen anderen Ländern auf große Aufmerksamkeit. So wurden zum Beispiel in Berlin bereits erste „Kiezblocks“ durch Bürger*innen initiiert.

Superblock Konzept

In Superblocks werden fußläufig erschließbare Häuserblocks zusammengefasst. Der motorisierte Verkehr wird am Rand entlanggeführt. Innerhalb dieses Areals entsteht dadurch eine große, zusammenhängende Begegnungszone ohne Durchzugsverkehr, in der Fußgänger*innen und Radfahrer*innen Priorität haben.

Superblöcke sind lebenswerte Stadtviertel

Nun wurde im Rahmen des Forschungsprojekts SUPERBE untersucht, ob das Superblock-Modell auch in Wien realisiert werden könnte. In diesem von der Österr. Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) im Rahmen des Programms „Stadt der Zukunft“ geförderten Projekt untersuchten Forscher*innen des AIT Austrian Institute of Technology gemeinsam mit Kolleg*innen der Technischen Universität Wien und lorenz consut am Beispiel der Stadt Wien – exemplarisch für österreichische Städte – insbesondere drei Ziele: Erstens sollten stadtmorphologische Quartierstypen als mögliche Anwendungsgebiete beschrieben werden; zweitens wurden Umsetzungskonzepte für drei konkrete Anwendungsgebiete in Wien ausgearbeitet; und drittens wurden allgemeine Empfehlungen formuliert, um die Umsetzung in österreichischen Städten einschätzen zu können und mögliche Folgeprojekte vorzubereiten.

„Wien besitzt mit seiner Stadtstruktur, insbesondere mit der gründerzeitlichen Bebauungstypologie, hervorragende Voraussetzungen und enormes Potenzial zur Anwendung des Superblock-Konzeptes“, fasst Harald Frey vom Institut für Verkehrswissenschaften der TU Wien ein zentrales Projektergebnis zusammen. Auf dieser Erkenntnis aufbauend wurden mithilfe automatisierter räumlicher Analyseverfahren potenzielle Kandidaten für Superblöcke identifiziert – konkret in den Gemeindebezirken Neubau, Hernals und Favoriten – und anschließend die verkehrlichen Auswirkungen eines Superblocks quantifiziert. „Dabei haben wir besonderes Augenmerk auf die Verlagerung von Wegen, auf die Akzeptanz von Verkehrsmitteln und den resultierenden Modal Split sowie auf CO2- und Energieeinsparungen gelegt“, erläutert Anita Graser, Forscherin an der Competence Unit „Dynamic Transportation Systems” am AIT.

Mobilitätskarte

Im City Intelligence Lab des AIT kann u. a. simuliert werden, welche Veränderungen städtebaulicher Maßnahmen auf die Mobilität der Bewohner und die Erreichbarkeit eines Stadtviertels haben. Auf diese Weise können schon in frühen Planungsstadien viele mögliche Szenarien durchgespielt werden. Damit können Planung und Investitionen in die Infrastruktur optimiert und Planungsfehler vermieden werden.

Ein Dorf in der Stadt

In der Studie zeigte sich klar, dass die Anwendung des Superblock-Prinzips in den drei Testgebieten mit zahlreichen positiven Effekten verbunden wäre: So würde der motorisierte Individualverkehr deutlich zurückgehen, und durch eine sukzessive Reduktion von Stellplätzen im öffentlichen Raum könnte mehr Platz für die Menschen geschaffen werden. Bisher versiegelte Flächen könnten neue Freiraumnutzungen ermöglichen und als grüne Infrastruktur ausgestaltet werden. Die Straßenräume im Wohnumfeld würden dadurch wesentlich ruhiger und kühler und ermöglichen mehr sozialen Austausch. Dies würde wiederum längerfristig die lokale Wirtschaft beleben, da insbesondere Nahversorger und Lokale von mehr Menschen auf Straßen, die zum Verweilen einladen, profitieren würden. Und nicht zuletzt wären Superblocks ein Beitrag zum aktiven Umwelt- und Klimaschutz sowie zur Gesundheitsvorsorge, da Treibhausgasemissionen sinken und Gesundheitsbeeinträchtigungen der Bevölkerung zurückgehen würden. „Diese fußläufig erschlossenen „Dörfer in der Stadt“ können sich als neue Sozialräume entwickeln und bieten Chancen für eine verstärkte Teilhabe von Bürger*innen an der Neugestaltung von Städten im Kontext globaler Herausforderungen“, erläutert der Landschaftsarchitekt und Prozessgestalter Florian Lorenz (lorenz consult).

Die Herangehensweise des Projektkonsortiums überzeugte die Jury der heurigen VCÖ Mobilitätspreise: Das SUPERBE-Projekt wurde zum Sieger der Kategorie „Forschung und wissenschaftliche Studien“ gekürt.

Verleihung VCÖ-Mobilitätspreis Österreich 2020

Verleihung des VCÖ Mobilitätspreises in der Kategorie „Forschung und wissenschaftliche Studien“: Willi Nowak (VCÖ), Johannes Müller (AIT), Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (BMK), Anita Graser (AIT), Ulrich Leth (TU Wien), Florian Lorenz (lorenz consult) © VCÖ/APA-Fotoservice/Hautzinger

Digitale Plattform zur ganzheitlichen Planung von Mobilität

Superblocks alleine lösen natürlich nicht alle Probleme des urbanen Verkehrs. Denn Mobilität ist ein Grundbedürfnis des Menschen, und die intensive Verknüpfung verschiedener Stadtviertel ist wesentlich für das Funktionieren einer Stadt. Daher benötigt man auch zukunftsfähige Konzepte, wie der städtische Verkehr besser geplant und abgewickelt wird. Ein innovativer Ansatz dafür wurde im Projekt „Intelligent Framework for Resilient Design“ – kurz: InFraReD – entwickelt. Im Kern geht es dabei um eine auf Künstliche Intelligenz (KI), Big Data und Augmented Reality (AR) gestützte Plattform, die Mobilität in der Stadtplanung für Bestands- und Neubauten ganzheitlich simuliert. „Aktuell kommen Simulationen zur Abschätzung von Auswirkungen städtebaulicher Maßnahmen auf die Erreichbarkeit selten zum Einsatz oder es werden nur isolierte Bereiche betrachtet. Mit InFraReD können wir bereits bei Planungsbeginn städtebauliche Entwürfe zusammen mit Verkehrs- und Mobilitätsplanungen entwerfen und optimieren“, erklärt Nikolas Neubert, Leiter der Competence Unit „Digital Resilient Cities“ am AIT.

Die InFraReD-Plattform ermöglicht es, das Zusammenspiel von baulicher Struktur, Erreichbarkeiten, Quell- und Zielorten integriert zu analysieren, um so für den Planungsprozess hunderte Varianten innerhalb kürzester Zeit durchzuspielen und zu visualisieren. Diese Anwendung wurde als interaktive Online-Plattform des City Intelligence Lab (CIL) am AIT mit Partnern von Giraffe Technologies entwickelt.

So können beispielsweise Mobilitäts- und Erreichbarkeitssimulationen sicherstellen, dass ein neues Stadtviertel so gestaltet wird, dass die Bürger*innen in 15 Minuten alles Wichtige erledigen können („15-Minuten-Stadt“), ohne dass sie überhaupt ein Auto benutzen müssen, sondern in ihrem Alltag bequem zu Fuß gehen, Rad fahren und öffentliche Verkehrsmittel benutzen können.

„Mit InFraReD können bereits in frühen Planungsphasen unterschiedliche Varianten und Szenarien verglichen werden“, erläutert Serjoscha Düring, Doktorand am City Intelligence Lab, der im Rahmen einer feierlichen Gala im Wiener Odeon Theater stellvertretend für das ganze Projektteam den VCÖ Mobilitätspreis 2020 in der Kategorie „Digitalisierung“ entgegennahm. Dies erleichtert Planungsprozesse für städtebauliche Projekte enorm. Zusätzlich können Infrastrukturinvestitionen optimiert, Planungsfehler vermieden und positive Effekte für Anwohner*innen und Unternehmen maximiert werden.

Verleihung VCÖ-Mobilitätspreis Österreich 2020

Das AIT-Projekt InFraReD gewann den VCÖ Mobilitätspreis in der Kategorie „Digitalisierung“ (v.l.n.r.: Arnulf Wolfram (Siemens Mobility), Serjoscha Düring, Willi Nowak (VCÖ), Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (BMK), Michaela Huber (ÖBB). © VCÖ/APA-Fotoservice/Hautzinger